Es gibt schlechterdings keinen Philosophen, der die Literaturgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts stärker beeinflusst hat, als Friedrich Nietzsche. Stärker, und auch nachhaltiger: Sein Einfluss reicht bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, und Spuren seines Denkens in Inhalt und Form finden sich selbst in der Literatur der Gegenwart.
Unmittelbare Anleihen, Übernahmen und kritische Distanzierungen
Kaum eine literarische Schule und auch keiner der einzelgängerischen Protagonisten des Impressionismus und Symbolismus, der Neu-Romantik und des Expressionismus hat bei der Formulierung seines ästhetischen, beziehungsweise poetologischen Programms auf eine produktive Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsches Philosophie verzichtet. Es kam zu unmittelbaren Anleihen und Übernahmen oder zu kritischer Distanzierung. Aber auch Friedrich Nietzsche selbst hat in der Literaturgeschichte weitaus deutlichere Spuren hinterlassen als in der Geschichte der Fächern, in denen der angetreten war, nämlich der Philosophie und Philologie. Für die Verbreitung und Anerkennung seines Werkes haben vor allen die Essays von Dichtern ganz unterschiedlicher Orientierung wie beispielsweise Thomas Mann und Hermann Hesse gesorgt.
Wirkung des Schaffens Nietzsches
Die immense Wirkung Nietzsches setzte schon verhältnismäßig früh ein. Obwohl die Kluft zwischen dem naturalistischen “Sozialismus” und Nietzsches aristokratisch gefärbtem Subjektivismus denkbar weit zu sein scheint, haben frühe Naturalisten durchaus affirmativ und produktiv auf den Autor der “Geburt der Tragödie” und des “Zarathustra” reagiert, so zum Beispiel Johannes Schlaf in seiner Lyrik, Sudermann mit seinem deutlichen vom “Gerhart Hauptmann” abgeleiteten Konzept des “ganzen Menschen” und auch Gerhart Hauptmann, in dessen Werken sich manches von der bacchantischen Wein- und Tanzseeligkeit wiederfindet. Von literaturtheoretisch und -praktisch bestimmender Bedeutung wird Friedrich Nietzsche jedoch erst in den gegennaturalistischen Strömungen der Jahrhundertwende.
War schon bei vielen Autoren vor allem der “Zarathustra” anerkannt, so erreichte die Identifikation mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche mit seinem zweifellos umstrittensten Werk “Der Übermensch” im Expressionismus seinen Höhepunkt. Viele zentrale Konzepte des Expressionismus wie die “aufsteigende Seele” oder “der neue Mensch” lassen sich mühelos von Nietzsche herleiten. Weitaus kritischer und eben daher auch fruchtbarer war die Auseinandersetzung der großen Einzelgänger unter den (Roman)autoren der Jahrhundertwende mit Nietzsche, vor allem Hermann Hesse und Heinrich Mann. Von überragender Bedeutung aber war Nietzsche zweifelsohne für Thomas Mann. Der lebenslange Dialog zwischen Nietzsche und Thomas Mann, der innerhalb Manns Romane geführt wurde, endete nie.
Zur Person
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) entstammt einem pietistischen Pfarrhaus. Er wird in Röcken bei Lützen in der preußischen Provinz Sachsen geboren, wo sein Vater das protestantische Pfarramt innehat. Nietzsches Vater stirbt früh, so dass die Erziehung bei der Mutter und den beiden Schwestern liegt. Nach dem Besuch der Bürgerschule und des Domgymnasiums erhält der ungewöhnlich begabte, sehr diszipliniert arbeitende und dabei stets steif wirkende 14jährige Nietzsche eine Freistelle in Schulpforta, wo die Basis zu seiner fundierten klassisch-philologischen gelegt Bildung wird. Es folgt 1864/1865 das Studium der Altphilologie in Bonn. Aufgrund mehrerer erfolgreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen erhält Nietzsche 1869 eine Professur für griechische Sprache und Literatur in Basel. Wegen zunehmender Augen- und Migränebeschwerden, den Symptomen einer syphilitischen Infektion, muss er diese 1879 jedoch wieder aufgeben. In der Folge führt er ein ruheloses Wanderleben zwischen Süddeutschland und Italien. Nietzsches geistige Existenz endet 1889 mit einem vollständigen psychischen Zusammenbruch in Turin; 11 Jahre später stirbt er in Weimar.
Bild: Portät Friedrich Nietzsches, 1882; Das zugrunde liegende Original stammt aus einer Serie von 5 Profilfotographien des Naumburger Fotographen Gustav-Adolf Schultze, Anfang September 1882. Bildquelle: Wikipedia
